Alchemist und Evidence kennen sich bereits seit High School-Zeiten. Und während der Eine seitdem als Teil der Dilated Peoples und später als Solo-MC Erfolge feiern konnte, produzierte der Andere seit Ende der 90er Tracks für Mobb Deep, Nas, Snoop Dogg, Lil Wayne und so gut wie jeden anderen fähigen Rapper in der Industrie. In der Zwischenzeit haben die beiden Kalifornier immer wieder zusammengearbeitet, sei es auf Dilated Peoples Hits wie “The Platform“, “Worst Comes To Worst” oder “Back Again“, Evidence Alben “The Weatherman LP” und “Cats & Dogs” oder diversen Alchemist Veröffentlichungen. Seit 2008 ist ein gemeinsames Projekt der beiden “Step Brothers” im Gespräch, nun über fünf Jahre später ist es endlich da. Am 21. Januar erschien das langerwartete Kollabo-Album “Lord Steppington” zu überwiegend positiven Resonanzen.

Wir sprachen mit Alchemist und Evidence während ihres Tourstopps in Frankfurt a.M. über die gemeinsame Arbeit, medizinisches Marihuana, den Independent-Hustle, Alchemists Verbindung zu Celo & Abdi, das kommende Dilated Peoples-Album “Director Of Photography” und vieles mehr.

Ich habe grad bei Twitter gelesen, dass ihr auf der Suche nach “Amnesia”-Weed seid. Hat euch da in Frankfurt jemand weiterhelfen können?

Evidence: Ja, wir haben was auftreiben können – in etwa 42 Sekunden. Aber über Instagram. Alchemist hat mich da allerdings geschlagen, er hat zuerst was bekommen. Ich ziehe weiterhin den kürzeren im Wettbewerb des Lebens.

Ihr wart beide vorher schon öfter auf Tour in Europa. Ich hätte gedacht, dass ihr hier schon eure festen Weed-Connections etabliert habt.

Ja, das stimmt. Wir sind so unorganisert, wir machen uns keine Gedanken darüber, was morgen ist, Wir leben wirklich nur in dem Moment.

Ihr seid beide aus Kalifornien, wo Marihuana, für den medizinischen Gebrauch legal ist. Gehört ihr auch zu denjenigen, die ein Rezept vom Arzt haben?

Ja, Alchemist hat eine Verschreibung. Meine ist abgelaufen.

Darf ich fragen, wogegen euch Gras verschrieben wurde?

Meine Knie tun weh. Und Alchemist hat Grünen Star.

Ich hab ebenfalls gerade auf Facebook gesehen, dass Celo & Abdi ein Foto von Alchemist und Celo 385 gepostet haben. Wie kam dieses Aufeinandertreffen zustande?

Alchemist: Das sind meine Jungs.. I fuck with them! Ich mag ihre Musik, also haben wir uns getroffen. Ich find die dope! Ich mag die Musik, ich mag die Videos. Das ist hart. Gute Jungs.

In einem Interview mit Dead End HipHop hast du vor kurzem darüber gesprochen, dass du feierst, was in Europa derzeit produktionstechnisch abgeht. Bist du zufällig auch mit der Arbeit einiger deutscher Produzenten vertraut?

Der Typ, der die Beats für Celo & Abdi macht, ist krass… Ich vergesse immer seinen Namen.. m3! Der ist dope! Ansonsten gibt es jetzt keinen deutschen Produzenten, den ich speziell auschecke. Aber wenn ich hier bin, höre eine Menge Sachen die krass sind. Ich halte immer meine Ohren offen, wenn ich unterwegs bin.

Ihr macht beide Beats. Plant ihr während eurer Zeit in Deutschland auch ein wenig Plattenshoppen zu gehen?

Das würde ich, aber ich muss dieses Interview mit dir machen. Wegen diesem Interview werde ich ein unfassbares Sample nicht finden. Fühlst du dich dafür verantwortlich?

Ein bißchen vielleicht.

(lacht) Da wartet ein krasses Sample in Frankfurt auf mich und wir müssen Interviews machen. Mal gucken, vielleicht schaff ich es ja doch noch.

Lasst uns über euer Kollabo-Projekt “Lord Steppington” sprechen, für das ihr gerade tourt. Wie läuft die Tour bisher?

Es läuft sehr gut. Wir haben eine menge Spaß. Wir springen von Sachen runter, schupsen Dinge um und machen akrobatische Stunts. Wir machen einfach Rap Shit auf diversen Bühnen. Bekommen Geld in diversen Farben und schmeißen es dann wieder zurück ins Publikum.

Ich hab gehört, das machen Rapper so.

So läuft das.

Läuft die Competition aus dem “Step Masters”-Video zwischen euch eigentlich noch?

Ach, die hört nie auf. Das ist wie “Spy vs. Spy” aus dem Mad Magazin.

Mit dem Step Brothers-Album habt ihr eure Fans ja schon eine Weile auf die Folter gespannt. Ihr arbeitet ja quasi schon seit dem Beginn eurer beider Karrieren miteinander und schon seit ein paar Jahren ist ein Kollabo-Album von euch beiden im Gespräch. Warum hat es dennoch so lang gedauert bis das Projekt fertiggestellt wurde?

Im Prinzip hätten wir das schon viel früher fertig machen können. Es ging da in erster Linie um das richtige Timing. Insbesondere was das Label betrifft. Denn auch wenn Rhymesayers Entertainment ein Indie ist, ist es dennoch eine echte Maschine und nicht umsonst ein so erfolgreiches Unternehmen. Deshalb haben wir ihnen auch vertraut, was das Timing des Releases betrifft. Aber es fühlt sich gut an, ich glaub das Timing war genau richtig. Jetzt können uns alle hassen und sagen: “Das Album ist scheiße. Worauf haben wir die ganze Zeit gewartet?” Oder halt: “Das Warten hat sich gelohnt.” Je nach dem.

Wie lief der Aufnahmeprozess des Albums ab? Habt ihr kontinuierlich über einen längeren Zeitraum an dem Album gearbeitet oder habt ihr das in einer kompakten Session durchgezogen?

Evidence: Nun ja… Alchemist ist schon lange ein sehr guter Freund von mir. Aber es gibt halt auch Alchemist den Produzenten. Mir war es wichtig, dass Respektlevel gegenüber beiden Rollen ausgeglichen zu halten. Bei früheren Projekten von mir war es so, dass man Alchemist für einen speziellen Track angerufen hat oder man hat eine Platte gemacht hat und dafür wurden vier Beats von Alchemist gepickt. Aber hier war das natürlich etwas anderes, wo ich bereits vorher wusste, dass er den überwiegenden Teil der Platte produzieren wird. Deshalb war ich aufgeschlossener gegenüber Instrumentals, die ich für ein Solo-Projekt vielleicht nicht genommen hätte. Das ist mir aber auch nicht schwer gefallen, denn alles was er macht, ist krass und anders. Meine Aufgabe war es also in gewisser Weise mich den Beats anzupassen, allerdings wurde das dann auch schnell sehr natürlich. Alles in allem war es einfacher Prozess, der über einen etwas längeren Zeitraum stattgefunden hat. Aber es hat sich nie so angefühlt, als würden wir hier ein Album mit einem gewissen Budget, bestimmten zeitlichen Verpflichtungen oder mit dem Druck, eine Single zu produzieren, machen.

Auf dem Album sind u.a. Action Bronson, Roc Marciano, Domo Genesis, Fashawn und Blu als Featuregäste vertreten. Viele der Genannten tauchten auch auf den letzten Alchemist-Projekten auf. Ist das Album als Teil dessen entstanden, was Alchemist mal als “Rap-Camp” bezeichnet hat, wo über längere Zeiträume verschiedenste MC bei ihm gewohnt und aufgenommen haben?

Ein bißchen. Es sind schon einige dieser Leute auf dem Album. Blu ist einer meiner Lieblingsrapper, also hat Al sich darum gekümmert, dass ein Feature für unser Album klappt. Fashawn hab ich dazu gebracht und Rakaa ist natürlich Dilated Peoples. Dann ist noch Oh No auf dem Album, der Gangrene repräsentiert. Und dann sind da halt mit Domo und Action Leute, die auf Als letzten Projekten vertreten waren. Aber letztendlich war es eine gesunde Mischung zwischen Leuten, die Alchemist drauf haben wollte und Features, die ich umsetzen wollte.

Ich hab gerade schon das sog. “Rap-Camp” angesprochen. Alchemist du hattest ja ein sehr produktives Jahr 2013. Du hast komplette Projekte für Prodigy, Durag Dynasty und Boldy James produziert sowie dein eigenes Album “Cutting Room Floor 3” veröffentlicht. Darüber hinaus hast du mit Mac Miller, Joey Bada$$, Roc Marciano, Domo Genesis und Willie The Kid zusammengearbeitet. Inwiefern war in diesem Zusammenhang dein Arbeitsprozess im letzten Jahr ein anderer als zuvor?

Alchemist: Es ist witzig, denn eigentlich war mein Arbeitsprozess im vergangenen Jahr nicht viel anders als in den 10 Jahren zuvor. Es hat sich eigentlich nur die Menge an Releases gesteigert. Mir ging es letztes Jahr sehr darum, Projekte herauszubringen, egal ob es perfekte Promotion dafür gab oder nicht. Das Motto war “Discography reigns supreme!” Scheiß auf den ganzen anderen Kram. Ich will nicht in ein paar Jahren zurückblicken und irgendwelche Lücken in meiner Diskographie feststellen. Es sollte eher so sein: “Alles klar, in dem Jahr hab ich für diese Leute Beats gemacht und dann hab ich ein Album gemacht. Dann hab ich diesen Alben angefangen.” Weißt du was ich meine? Ich will das weiter ausbauen, deshalb ging es mir in erster Linie darum die Scheiße zu veröffentlichen.

Aber die Arbeitsatmosphäre ist auch einfach gut bei mir im Studio, denn es ist keine wirkliche Arbeitsatmosphäre. Es ist frei, weißt du was ich meine? Ich gucke mir viele Dokumentationen über große Musiker der Vergangenheit an und was sie geleistet haben. Ich schaue mir an, wie sie es geschafft haben, Magie zu kreieren und versuche dann meine eigene Version dessen zu erschaffen. Mit aller Bescheidenheit! Denn wir werden wohl nie so großartig sein, wie einige dieser Leute, die ihre Instrumente beherrschten. Aber wir versuchen dennoch den selben Vibe einzufangen.

Kam die Entscheidung, so viel autark zu veröffentlichen, auch aus einer Frustration gegenüber dem Major-Apparat, wo es mitunter sehr lange dauert, um Beats auf größeren Alben zu platzieren?

Da triffst du den Nagel auf den Kopf. Aber nicht nur das Platziern von Beats ist das Problem. Wenn wir über das Major-System sprechen, ist es eigentlich alles. Ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich alles kontrollieren muss. Ich will meine Ideen ganz bis zu Ende überblicken. Kein Disrespekt an die Labels, aber ich muss es einfach auf meine Weise machen. Denn das ist, wie es den Leuten am besten gefällt. Wenn ich es komplett selbst durchziehe. So wie es ein Künstler wie Brownsville Ka tut. Der macht seine Beats, dreht seine Videos, macht seine Songs – alles seine Vision, von Anfang bis Ende. Kein Vertrieb, kein Major – aber er macht seine Musik so, wie er sie machen will. Und wenn du finanziell stabil genug bist, um dir das so erlauben zu können, kommt am Ende die beste Musik dabei raus.

Und das ist der Punkt, an dem ich gerade bin. Es geht darum, in der Lage zu sein, etwas umzusetzen, wenn du etwas umsetzen willst und dabei die Kontrolle über die eigene Karriere zu behalten, so wie wir es immer wollten. Ansonsten schickst du Beats an Künstler, dann wartest du, dass das Sample geklärt wird, dann wird das Album vielleicht verschoben, vielleicht lässt sich das Sample dann doch nicht klären – man steckt da einfach nicht drin. Also machen wir unser eigenes Ding und kontrollieren die “Temperatur” selbst.

Du hast letztes Jahr, wie gesagt, ganze vier Alben komplett produziert. Prodigys “Albert Einstein“, Durag Dynastys “360 Wave”, Boldy James “My Chemistry Set” sowie dein eigenes Album. Wie würdest du jemandem der keines der Alben gehört hat oder vielleicht überhaupt nicht mit Boldy James oder Durag Dynasty vertraut ist, die unterschiedlichen Projekte beschreiben?

Da sollte man einfach reinhören. Ich denke, wenn du ein Fan von mir als Produzent bist, hast du dir wahrscheinlich alle angehört und ein Gefühl für die einzelnen Künstler bekommen. Diese Künstler, die mit mir für komplette Alben zusammenarbeiten wollten, sind einfach großartige Rapper aus meinem Umfeld und helfen mir, so eine Menge an guter Musik zu veröffentlichen. Es ist, wie gesagt, eine etwas größere Sache als die einzelnen Projekte. Es geht darum, wie eine Maschine zu werden und viele Produkte rauszubringen, um letztendlich die Leute auf Künstler wie Boldy James und Durag Dynasty aufmerksam zu machen. Denn die sind einfach dope, nur würden sie über den kommerziellen Weg nie so gehört werden. Ich denke, jeder sollte einfach mal in die Alben reinhören, denn die sprechen letztlich für sich selbst. Cause it’s hot fire!

“Lord Steppington” erscheint auf Rhymesayers Entertainment. Evidence, es scheint als hättest du deine ganze Familie inzwischen dort untergebracht. Dein letztes Solo-Album “The Weatherman LP” erschien 2011 auf dem Label und inzwischen stehen auch Dilated Peoples bei Rhymesayers unter Vertrag. Was macht Rhymesayers für dich zum idealen Platz, um deine Musik zu veröffentlichen?

Evidence: Ach, ich bin einfach nur neidisch auf Atmosphere. Ich will auf deren Level kommen.

Mit Dilated Peoples wart ihr ja auch lange bei einem Major. Denkst du, dass die neue Situation besser für euch funktioniert?

1000 Prozent! Es gibt Independent im Sinne von: “Ich verkaufe meine CD unabhängig am Strand – Hey, magst du Hip Hop. Hör dir das mal an!” Und dann gibt es Rhymesayers-Independent. There is levels to this shit! Das ist nicht dasselbe. Rhymesayers ist das höchste Level was Independent-Labels betrifft.

Ich war auf einem Major-Label und hab gesehen, was die leisten können. Und ich will jetzt niemanden schlecht reden, aber ich hab auch Sachen über Indie-Labels rausgebracht und war nicht beeindruckt. Aber das hier ist eine Form der Unabhängigkeit, die mich beeindruckt. Es ist kein großes Unternehmen, aber alle sind fokussiert und schieben Ǔberstunden. Die sind mir zwei Stunden voraus [Rhymesayers Entertainment hat seinen Sitz in Minneapolis und liegt damit in einer anderen Zeitzone als Los Angeles, wo Evidence lebt; Anm. d. Red.] und bleiben meistens länger im Büro als ich. Es ist eine Herausvorderung und es motiviert mich weiterzumachen.

Für mich hat damit fast sowas wie ein neues Leben angefangen, um ehrlich zu sein. Ich hab die nächsten drei Jahre meines Lebens geplant. “Lord Steppington” dieses Jahr, Dilated Peoples dieses und bis ins nächste Jahr und dann ein neue Solo-Platte danach. Wie weit im vorraus soll man noch planen? Das ist ein kompletter Segen. Danke an Slug, Brother Ali und all die anderen, dass sie Vertrauen in mich setzen.

Du hast gerade schon das neue Dilated Peoples-Album angesprochen. Es soll “Director of Photography” heißen und wurde für diesen Frühling angekündigt. Wie weit seid ihr mit der Platte?

Es ist fertig. Wir sitzen grad noch am letzten Alchemist-Track, mixen den, wenn wir nach Hause kommen und dann gehts ins Mastering. Die Zweite Februar Woche ist schon gebucht dafür. Wenn es dann vom Mastering kommt, werden Fotos gemacht und das Albumcover erstellt und dann kommt es 2-3 Monate später raus. So Gott will, ist es im Sommer draußen und wir sind wieder mit Dilated am Start. Das wird super.

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