Nach weit über einer Dekade im Game blickt der Berliner Rapper Fler auf eine Diskographie zurück, die nicht nur etliche Singles, sechs Kollaboalben, zwei EPs, acht Labelsampler und vier Mixtapes umfasst: Mit „WIDDER“ hat Flizzy am Ende des vergangenen Monats sein nun 17. Studioalbum veröffentlicht. Grund genug, Fler zum Interview zu treffen, um mit ihm über sein neuestes Projekt zu sprechen. 

„Die Leute sollen verstehen, ich hab ja alles aus einem Grund gemacht.“

Fler polarisiert. „Das mach ich, seitdem ich klein bin, dass ich mich mit Leuten anlege“, beschreibt er sein Verhalten, als wir ihn im vergangenen Jahr zum großen „ATLANTIS“-Interview treffen. „Wenn du im Krieg bist, dann lachst du nicht gerne“, erklärt er damals gegenüber Steph, warum er in der Öffentlichkeit häufig so negativ wahrgenommen werde. Auch dieses Mal diskutiert Fler gemeinsam mit Steph das Bild, das in der Öffentlichkeit von ihm besteht und zeigt sich reflektiert. Den Ruf, der Schwierige oder der Aggressive zu sein, werde er wohl auch in Zukunft nicht mehr los. Auf die Frage, ob ihn das störe, antwortet er unmittelbar und deutlich mit ja.  „[…] die Leute sollen verstehen, ich hab ja alles aus einem Grund gemacht. […] Alle Menschen, die erfolgreich sein wollen, die aus einer harten Zeit kommen, die haben das halt in sich, dass die […] anstrengend sind. […] Bei jedem Album geht’s um ein Leben.“

„Wenn es dann wenigstens kontrovers wird […], dann ist auch gut.”

Im Gespräch mit Steph zeigt sich Fler offen, bedacht und gleichzeitig emotional. Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe. Das zeigt sich nicht zuletzt dann, wenn sie gemeinsam über die aktuellen Entwicklungen im Deutschrap diskutieren – und dabei natürlich auf das ewige Vorbild und Ideal Amerika zu sprechen kommen. Seine Affinität zu dem, was in seinen Augen die HipHop-Kultur in Amerika ausmache, sorge im nationalen Game für reichlich Konfliktpotenzial mit seinen Kolleg*innen, so Fler. Beim Blick auf den aktuellen Zustand der Deutschrap-Szene entfährt ihm ein beinahe schockiertes: „Oh Gott, sind wir immernoch so?“ Flers Devise, was seinen eigenen Output betrifft: „Wenn es dann wenigstens kontrovers wird wie bei ‚MILLION DOLLAR A$$‘ [mit Katja Krasavice], dann ist auch gut.“ Er wolle dafür kämpfen, die Offenheit, die in Amerika herrsche, auch in der deutschen Szene zu etablieren. Seine Traumvorstellung der Deutschrap-Szene? „Dass wir alle ein bisschen mehr probieren würden, nicht normal zu sein.“ 

„Ich geb einen Scheiß darauf, was die Leute da draußen denken, weil die sind überhaupt nicht Teil meiner Welt.“

Ein gewisser Lifestyle, „coole Klamotten“, der richtige Flex, „dieses Plumpe“ – all das gehöre für ihn absolut zur Identität von HipHop. Fler artikuliert auch sehr deutlich, woran es Deutschrap aktuell in seinen Augen mangelt: Mir fehlt die Ignoranz. Wenn Leute mich fragen, was ist die Message von meiner Musik, dann könnte ich so sauer werden. Die Message ist Ignoranz.“ Wenn man rein skilltechnisch nicht von sich behaupten könne, der Beste im Game zu sein, müsse man sich eben auf anderem Wege beweisen. Deutschrap – Fler bezieht sich hier wohl auf das, was im Allgemeinen als Mainstream bezeichnet wird – sei zu kontrolliert, zu sehr auf die Außenwirkung bedacht. „Wenn du […] die ganze Zeit so streberhaft probierst, der Beste zu sein, dann scheinst du dir so viele Gedanken darum zu machen, was andere denken, dann bist du nicht mehr der King in dem Augenblick. Du bist wirklich nur der King, wenn du auf alles scheißt.“ Die ewige Diskussion um die angeblich oft fehlende Realness bezieht Fler in diesem Zusammenhang nicht nur auf seine Kolleg*innen, sondern weitet diese auf die gesamte Community aus. „Wie real sind denn noch die Leute, die das Ganze hören?“, fragt er. „Früher waren das wirklich Leute von der Szene. Von der Szene, für die Szene. […] Ich geb einen Scheiß darauf, was die Leute da draußen denken, weil die sind überhaupt nicht Teil meiner Welt.“ Ein großer Teil der Kosument*innen befasse sich gar nicht mehr „mit dem ganzen Blödsinn […], was HipHop ausmacht“. Von der seiner Meinung nach vorherrschenden Einstellung, sich nicht mit den Hintergründen auseinanderzusetzen, sondern ausschließlich die Musik zu konsumieren, halte Fler wenig. Seine eigene Musik beschreibt er als „übertriebenen, nerdy Insidershit“. Es sei gar nicht sein Ziel, unbedingt den Geschmack der breiten Masse zu treffen. Wichtiger sei es, vor allem diejenigen zu begeistern, die wirklich zuhören. Nur so könne er voll und ganz hinter seinem eigenen Output stehen, erklärt Fler. 

„Ich will lieber in die ‚Underground‘-Playlist als in die ‚Modus Mio‘ oder ‚Deutschrap Brandneu‘.“

„Ich muss ehrlich sagen, in Deutschland hast du das nicht so doll. Du hast halt nicht die Leute, die sich so wirklich mit dem Insider coolen Shit befassen. Und dadurch wirst du ignorant. Dadurch denkst du, […] ich mach nur mein Ding. Ich guck nur auf mich.“ Darüber, dass diese Einstellung ihm nicht den größten kommerziellen Erfolg bringt, scheint sich Fler dabei bewusst zu sein, auch seine Kolleg*innen seien sich dessen bewusst. „Aber die machen trotzdem das, was sich in Deutschland besser verkauft, und das ist gut.“ Sein eigentliches Prinzip, sich als Rapper als Teilnehmer einer andauernden „Competition“ zu sehen, habe er mittlerweile abgelegt. „Ich mache Rap auch nicht mehr wegen Geld, ich mache Rap auch nicht mehr, weil ich auf Eins gegangen bin […], ich selber rechne nie mehr damit, dass ich in Deutschland großen Erfolg haben werde mit Musik.“ Aber wie sieht es aus seiner Sicht mit der Zukunft von Deutschrap aus? Fler wünsche sich ein Umdenken der Community, sehe aber nicht, dass das in Zukunft auch passieren werde. Die werden immer weiter diesen stupiden Scheiß hören, die werden immer weiter sich nicht bewegen können im Club, die werden immer weiter nicht peilen, was der Unterschied ist zwischen einer richtigen Cubin Link Chain und einer kack Königskette vom kack Juwelier.“ Er spricht über einen deutschen Mainstream, der den aktuellen Zeitgeist viel weniger einfange, als es der Underground tue. „Ich will lieber in die ‚Underground‘-Playlist als in die ‚Modus Mio‘ oder ‚Deutschrap Brandneu‘“, so sein Urteil. „Also die ‚Underground‘-Playlist ist für mich drei Jahre, vier Jahre weiter.“

„Wenn ich mal tot bin, dann werden die [Leute] schon sagen, boah, der Typ war crazy.“

Fler blickt mittlerweile auf eine über zehnjährige Karriere zurück. Da wundert es nicht, dass Steph ihn fragt, welche Legacy er irgendwann einmal hinterlassen möchte. „Ich will mich so sehen, wie ich mir mich vorgestellt habe. […] Ich komm jetzt langsam da ran“, blickt Fler auf seine persönliche Entwicklung. „Aber ich glaube, wenn ich mal tot bin und wenn es darum geht, was Leute über mich reden, dann werden die schon sagen, boah, der Typ war crazy.

Wenn euch außerdem interessiert, wie Fler aktuell zu seinem ewigen Kontrahenten Bushido steht, wann ein neuer Teil der „CCN“-Reihe mit Bass Sultan Hengzt droppen wird und warum man Arafat Abou-Chaker keine Fake Louis Jacken verkaufen sollte, dann schaut euch unser Interview in voller Länge an!

 

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