Um es mit den Worten eines guten Freundes zu sagen: Ich bin nur bedingt vom Kulturrelativismus überzeugt. Auch Kritik von außerhalb kann wichtig sein. Das gilt für jede Kultur, auch für HipHop. Ich bin der letzte, der es pauschal ablehnt, wenn Menschen, die nicht primär im Kosmos HipHop stattfinden, Kritik an die Szene richten. Ein paar kleine Ansprüche habe ich dann aber: Bitte spielt euch nicht als die letzten Ritter der Moral auf. Bitte spuckt nicht auf die Menschen in der Szene herab. Bitte rückt euch nicht selbst in den Mittelpunkt eurer Kritik.

All das hat Shahak Shapira getan. Aus einem unfassbar wichtigen Thema, aus einer ekligen Nachricht von Fler, aus der Bedrohung einer jungen Frau, hat er es geschafft eine Diskussion um seine eigene Person zu machen. Und wir spielen gerade mit. Dumm, ich weiß, muss jetzt aber Mal sein.

Shahak S. wirft uns vor „0 Rückgrat zu haben“. Das bezieht Shahak S. sowohl auf den Diskurs um den Beef mit Fler, als auch auf den allgemeinen Status des Rapjournalismus. Und bei zweitem gebe ich ihm sogar teilweise recht. Klar, Kritik kommt viel zu selten und oft viel zu schwach. Rassismus, Sexismus und Antisemitismus sind reale Probleme. Sowohl gesamtgesellschaftlich als auch im HipHop. Rap Journalismus muss sich öfter klar positionieren. Auch uns nehme ich da nicht raus. Trotzdem versuchen wir es, Shahak. Und wir versuchen es, ohne uns dabei über Menschen lustig zu machen, die vermeintlich ein Elternteil verloren haben. Wir versuchen es, ohne uns dabei als Opfer darzustellen. Wir versuchen es, ohne uns dabei in den Vordergrund zu drängen. Jule Wasabi, der Shahak in Instagram Kommentaren ebenfalls unterstellt, kein Rückgrat zu besitzen, kritisiert seit Jahren Sexismus in der Szene. Ohne erhobenen Zeigefinger.  Juri Sternburg, über den sich Shahak in mehreren Tweets lustig macht, kämpft seit Jahren gegen Seximus, Rassismus und Antisemitismus. Ohne erhobenen Zeigefinger. Niemand, wirklich niemand, will hier auch nur in irgendeiner Art und Weise Fler verteidigen.

Bei uns standen schon Rapper vor Privatwohnungen und haben Sturm geklingelt, wir haben diverse Abmahnungen von Künstlern wegen unserer “rapperunfreundlichen” Berichterstattung bekommen und zahlreiche “unschöne” Telefonaten mit Rappern geführt. Das ist alles Realität.

Was mich nervt, ist deshalb vor allem Shahaks Selbstdarstellung als Opfer. Fler ist wirklich nicht dafür bekannt in Diskussionen sachlich zu bleiben. Fler ist aber genauso wenig dafür bekannt seinen Drohungen Taten folgen zu lassen. Das bedrohliche “Rappergetue” gehört zu ihm und spielt einen nicht unwesentlichen Part in seiner Vermarktung. Das betont Fler übrigens auch in unserem neuesten Interview. Ich unterstelle  Shahak S., der bereits mehrfach mit Fler aneinander geraten ist, einfach Mal genügend emotionale Intelligenz, um das auch zu wissen. Der ganze Beef scheint so offensichtlich von Shahak provoziert, das ich ihm seine Opferrolle einfach nicht abkaufen kann.

Und insgeheim scheint Shahak dann doch auch irgendwie ein bisschen stolz auf seine Auseinandersetzung mit dem großen Rapper zu sein. Den Fler-Beef trägt er seit zwei Tagen wie eine Medaille vor sich her und zeigt sie wirklich jedem, der gerade nicht danach gefragt hat. Wir haben’s kapiert Shahak: Du wurdest von Fler bedroht, alles ziemlich cool, wurden wir alle schon, Leben geht weiter, beruhig dich.

Geschrieben von Jonas Weinmann

Oh, und fast hätte ich es vergessen:

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