Wie geht man als Künstler damit um, wenn die Erwartungshaltung der Fans an die eigene Musik nicht mit der eigenen künstlerischen Vision übereinstimmt? Von „Früher war alles besser“ bis zu Sellout-Vorwürfen sehen sich einige Artists oftmals schonungslos einem wütenden Tastatur-Mob gegenüber, der nicht müde wird der eigenen Enttäuschung Luft zu machen. Ist das legitim oder nimmt sich der Fan hier zu viel raus? Will man als Fan überhaupt Einfluss auf das musikalische Schaffen des Lieblingskünstlers nehmen und wenn ja, warum?
Aktuelles Beispiel ist 385i-Künstler Nimo, der sich via Instagram Story-Statement in der vergangenen Woche direkt an seine Fans gewendet hat. Auslöser waren offenbar bei ihm eingegangene Beschwerden seiner Fans über seinen aktuellen Sound, was ihn dazu berufen hat zum Rundumschlag auszuholen. Ein Fan könne dem Künstler nicht sagen, was er tun oder nicht tun soll und jeder der versucht seine Musik in gut oder schlecht zu kategorisieren, habe nichts zu melden. Dies soll daran liegen, dass sie selber keine Musik machen und dementsprechend keine Bewertungsgrundlage hätten. Mittlerweile wurde der Post wieder von der Seite des Künstlers heruntergenommen. Wir beschäftigen uns trotzdem mit der Frage in welchem Rahmen Kritik von Fans in Ordnung- und ab wann diese Kritik vielleicht zu viel des Guten ist.

Hörer, die einen Künstler  für einen gewissen Zeitraum verfolgen und anfangen die Musik zu mögen, bauen unweigerlich einen bestimmten Erwartungshorizont für die folgende Musik auf. Die Identifikationsfläche zwischen Künstler und Fan basiert auf Attributen wie einer gewissen Werte-Vorstellung, Haltung oder moralischen Grundsätzen. Diese fungieren als Pfeiler dieser einseitig romantischen Beziehung zwischen Fan und Artist. Gerät nun eine dieser Säulen ins Wanken, droht die Stimmung zu kippen und es kommt zu real empfundenen Emotionen wie Frust oder Enttäuschung, seitens des Hörers. Man fühlt sich, „betrogen“ wäre das falsche Wort, aber tatsächlich etwas verraten und das basierend auf einer Erwartungshaltung an eine komplett fremde Person. Klingt erstmal ungesund.
Prominente Ursache für diese Negativ-Veränderung: Künstler XY hat sich weiterentwickelt und dabei ein altbekanntes Soundbild verändert. Obwohl der durchschnittliche Fan sicherlich den Wunsch in sich trägt, dass sich sein Favorite-Artist verbessert und seine Fähigkeiten ausbaut, wollen viele dann doch lieber den „alten Savas“ oder den „alten Sido“ zurückhaben. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man die Musik in Relation zu Alter, Lebens-Situation und Zeitgeist betrachtet.
Nun ist es ja mal so, dass jeder Künstler maßgeblich vom Support, sei es in physischer, digitaler oder monetärer Form, seiner Fans abhängig ist. Der Endkonsument bezahlt für ein Produkt, an das er natürlich einen gewissen Qualitätsanspruch und dementsprechend nach Zahlung für die Musik auch das Recht hat, diese zu bewerten. Im Regelfall ist dem Künstler die allgemeine Erwartungshaltung auch durchaus bewusst und es gibt sicherlich nicht wenige Fälle wo diese auch rigoros bedient wird. Olexesh beispielsweise weiß nach eigenen Aussagen schon während er einen Track schreibt, ob er die Bedürfnisse seiner “wahren” Fans erfüllen wird oder nicht. Teilweise möchte er aber auch eine neue, breitere Zielgruppe erreichen und macht bewusst einen anderen Sound, als seine Fans von ihm erwarten, beziehungsweise verlangen.
Ein Beispiel hierfür ist sein Hit „Magisch“, der für astronomische Klick- und Viewzahlen gesorgt hat, allerdings musikalisch nicht im klassischen Olexesh-Style gehalten wurde. Damit landete der 385i-Künstler kommerziell den größten Erfolg seiner Karriere und ermöglichte sich so den Zugang zu Kooperationen mit internationalen Brands wie Samsung und Nike oder angelte sich Auftritte bei MTV. Sellout, vielleicht, aber definitiv ein Karriereschritt nach vorne.

Hätten sich Künstler wie Ufo361 oder Trettmann an die Stimmen ihrer Fans gehalten, wären Werke wie „Ich bin ein Berliner“ oder „DIY“ vermutlich niemals entstanden. Kunst sollte eben frei, progressiv, lebendig, aufwühlend und gerade im HipHop vor allem authentisch sein. Der Feind ist und bleibt der Stillstand, weshalb sich eine Rückbesinnung auf bereits vollbrachte Taten für einige Künstlerinnen und Künstler vermutlich eher nach einem Rückschritt als nach dem nächsten Level anfühlt. Gerade in unserem Genre wird doch von den Künstlern verlangt, sich so echt wie möglich zu präsentieren. Wenn sich die aktuelle Lebenssituation dann eher nach Eigentumswohnung, wechselnden Geschlechtspartnern und High Fashion anfühlt, sollte das doch thematisiert und auch sound-technisch aufgegriffen werden dürfen. Wie Samy Deluxe auf “Hände Hoch” mal gesagt hat: “Leute wollen meinen alten Scheiß, kauft mein altes Album“.

 

Dieser Freiraum, sich seiner persönlichen Entwicklung entsprechend künstlerisch zu entfalten, sollte jedem Artist gegeben sein. Dass sich Fans offen über Musik ihrer Idole beschweren, bleibt wahrscheinlich unvermeidbar. An dieser Stelle steht dann lediglich ein höflicher Appell an die sozialen Umgangsformen und den guten Ton, der im Internet leider so selten von sich reden macht.

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