“Ihr wisst nicht, wie viel Gutes ihr den Artists tut, wenn ihr Tidal statt Spotify benutzt”, schreibt absent vorgestern auf Twitter. Auf Instagram teilt er später eine Grafik, die zeigt, wie viel Geld Künstler*innen pro Stream auf der einen und wie viel auf der anderen Plattform verdienen. Auch Heinie Nüchtern postet heute in den Sozialen Medien ein Comic, der Spotify- und Tidal-Hörer*innen auf sarkastische Art und Weise darstellt. Damit sprechen beide ein Problem an, das die Musikindustrie seit Beginn der Internetnutzung und welches sich durch die Corona-Pandemie und immer weniger Live-Auftritte nochmal verstärkt hat: Die Einnahmen von Artists durch große Streaminganbieter. Für wen sind sie ein Fluch, für wen ein Segen, für wen vielleicht beides und vor allem: Was muss sich ändern, damit sie vielleicht doch auf alle positive Auswirkungen haben können?


Die Reaktionen auf absent’s Tweet gehen auseinander. Die einen bestärken ihn in seiner Aussage, die anderen argumentieren, Tidal sei viel teurer und bedarf bessere Soundsysteme als die Konkurrenz, die nicht jeder zur Verfügung hätte. Müssen also entweder die Konsument*innen oder die Künstler*innen Kompromisse eingehen? Oder kann es auch Lösungen geben, die für alle, inklusive Label und Streamingplattformen, bequem sind?

 

“Artists verdienen nicht genug an ihren Streams”

Zuerst muss gesagt werden: Spotify, Apple Music, Deezer und Co. bieten eine unglaubliche Chance für alle Musiker*innen, ihre Reichweite und Fanbase zu vergrößern. Die Songs auf diesen Plattformen sind für jeden verfügbar und werden aufgrund ausgeklügelter Algorithmen Konsument*innen je nach Musikgeschmack vorgeschlagen, sodass sie viel einfacher entdeckt werden können. Sie lösten größtenteils außerdem den Trend, Lieder illegal und somit kostenlos aus dem Internet herunterzuladen, ab, durch welchen niemand an den eigenen Tracks verdient hat. Aus diesem Blickwinkel sind sie also erstmal ein ganz klarer Segen für alle, die ihr Geld mit Musik und/oder dessen Produktion und Vertrieb verdienen.

Die Kritik, die jedoch immer wieder kommt: Artists verdienen nicht genug an ihren Streams. Laut des Vermögen Magazins bekommt etwa Farid Bang zirka 0,0038 Euro pro Spotify-Stream, bei anderen deutschen Rapper*innen ist der Betrag ähnlich. Bei Tidal verdienen Musiker*innen laut mediengewalt zirka 0.0125 Dollar in den USA, in Deutschland etwas weniger. Dabei ist zu beachten, dass die Einnahmen pro Land je nach Menge der Künstler*innen und der Gesamtanzahl an Streams unterschiedlich ausfallen. Auch das Genre ist entscheidend. Außerdem geht die Summe nicht allein an die Musiker*innen, sondern muss zwischen ihnen, ihrem Label und allen, die sonst am Song mitgearbeitet haben, aufgeteilt werden. Ein einheitlicher Betrag ist schwer auszumachen, da dieser von den jeweiligen Vertragsbedingungen der Artists abhängt. Was allerdings gesagt werden kann: Vor allem erstere Summe hört sich zunächst ziemlich wenig an, besonders für Künstler*innen, dessen Streams sich im Tausender Bereich bewegen. Ein weiteres Problem aktuell: Die Haupteinkommensquelle für die meisten Musiker*innen – Live-Auftritte bei Konzerten, Festivals und generell Touren – fällt aufgrund der Corona-Pandemie größtenteils weg, wodurch die niedrigen Einnahmen durch Streaming noch deutlicher werden. Die Frage ist allerdings: Sind Spotify und Co. dafür zuständig, jetzt etwas daran zu ändern oder liegt die Verantwortung bei anderen?

 

Wie werden die Einnahmen verteilt?

Alle Streamingplattformen regeln die Verteilung der gesamten Einnahmen unterschiedlich, weshalb keine allgemeine Art und Weise dargestellt werden kann. Am Beispiel des größten Anbieters, Spotify, funktioniert das laut mediengewalt folgendermaßen: Die Plattform gibt zirka 70 Prozent ihres Einkommens an die Rechteinhaber*innen der Musik. Das läuft allerdings so, dass die gesamten Einnahmen auf alle Streams verteilt werden. Sprich, wenn ein Artist für 5 Prozent der gesamten Streams verantwortlich ist, bekommt diese*r auch 5 Prozent des gesamten Einkommens. Da kann auch Geld aus Abonnements von Konsument*innen einfließen, die diese*n Künstler*in gar nicht hören. Genau das gerät häufig in Kritik, denn warum bekommt jemand mein Geld, dessen Musik ich gar nicht höre?

Berechtigte Frage, vor allem in Anbetracht dessen, dass Spotify der beliebteste Streaminganbieter ist. Auch hier ist es für Künstler*innen also umso besser, wenn sie viel Reichweite haben. Aussagen wie die von absent sind mit diesen Informationen mehr als nachvollziehbar. Trotzdem muss dazu gesagt werden: 70 Prozent der Einnahmen als Unternehmen weiterzugeben, ist nicht unbedingt wenig. Dennoch: Die Verteilung ist fragwürdig und das Geld geht, wie in vielen Fällen, meist nicht direkt an den Artist, sondern an das dazugehörige Label. Ab diesem Moment liegt die Verteilung nicht mehr in den Händen der Plattformen und da entsteht das nächste Problem.

Je nach Vertrag und Label, ob Major oder Independent, bekommen Artists eine bestimmte Summe aus ihren Streams. Viele Künstler*innen, die neu in der Musikindustrie sind, haben allerdings wenig Ahnung davon, wie Verträge richtig gelesen werden, um alle Information herauszufiltern und vor allem davon, welche Bedingungen für sie selbst fair sind. Die Label entscheiden in der Regel, wer von den Rechteinhaber*innen, einschließlich sie selbst, wie viel von den Streaming-Einnahmen bekommen. Das ist für das Gesamtbild wichtig in Betracht zu ziehen. Es muss sich wenn überhaupt also nicht nur bezüglich der Streamingplattformen etwas ändern, sondern auch bezüglich der Label.

 

Welche Verantwortung tragen Konsumierende?

Eine logische Konsequenz, die aus den genannten Erkenntnissen gezogen werden könnte, ist, die Kosten für ein Abonnement zu erhöhen. Aber wie fair wäre das? Spotify-Premium etwa berechnet zehn Euro pro Monat, für Studierende sogar nur fünf. Das ist in Anbetracht der riesigen Musikauswahl ziemlich wenig. Wäre es fairer, den Preis auf 20 Euro zu erhöhen, so, wie es etwa Tidal macht? Für Künstler*innen definitiv, aber für Konsument*innen? Die Konsequenzen aus einer Anhebung der Kosten wären klar: Einige würden kündigen, weil sie nicht mehr zahlen können oder wollen, vielleicht würden sie wieder anfangen, sich illegal Songs zu downloaden oder andere Alternativen finden. Im Umkehrschluss gäbe es dadurch weniger Abonnements, also auch weniger Einnahmen für die Streamingplattformen und Rechteinhaber*innen. Dieser Schritt könnte letztendlich sinnlos sein und sich eventuell sogar negativ auf die Musikindustrie auswirken. Vielleicht könnte ein Anstieg um ein bis zwei Euro einen Unterschied bewirken. Anbieter wie Spotify oder Apple Music, die für ein monatliches Abo ebenso viel berechnen, arbeiten mit ihren aktuellen Preisen allerdings effizient. Warum sollten sie also riskieren, Nutzer*innen einzubüßen und dadurch eventuell Verluste zu machen?

Es muss schlussfolgernd zum einen sichergestellt werden, dass im Falle eines Preisanstiegs finanziell Schwächere nicht stark benachteiligt werden, weshalb eine Verdopplung der Kosten unrealistisch wäre, zum anderen muss sich das Bewusstsein der Konsument*innen ändern, um eine finanzielle Erhöhung nachvollziehen und unterstützen zu können. Auch deshalb ist es so wichtig, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Nur wenn sich alle Parteien für eine gerechtere Einkommensverteilung zugunsten von vor allem kleinen und mittelständigen Musiker*innen einsetzen, kann diese funktionieren. Nebenbei können die Lieblingsartists natürlich auch durch den Kauf von Merchartikeln oder, wenn möglich, Konzertkarten unterstützt werden. Wer die finanziellen Möglichkeiten hat, kann außerdem absent’s und Heinie Nüchtern’s Anliegen nachgehen und auf Streamingplattformen umsteigen, die Künstler*innen mehr Geld pro Stream zahlen.

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