Cover "Decoded"
Cover "Decoded"

Die Entschlüsselung des schwarzen Rockefeller

Vom nördlichen Teil Brooklyns bis hin zum Times Square in Manhattan ist es eigentlich kein
weiter Weg ? ein paar Haltestellen mit der New Yorker Subway. Für Jay Z hat der Weg ein
halbes Leben gedauert: Vom Crack dealenden Schulabrecher in Brooklyn?s Armenviertel
Marcy zum Vorzeigeunternehmer mit Bürokomplex in New Yorks teuerstem Stadtteil. Eine
Geschichte, die Spuren hinterlässt. Und deswegen legt Jay Z nun mit gerade mal 40 Jahren
seine Memoiren vor.

?Decoded? lautet der Titel des 300-Seiten Werks und eigentlich ist es mehr als nur
eine Autobiographie: Es ist eine Rap-Chronik, ein Geschichtsbuch und ein Bildband,
alles umrahmt von Textpassagen einschlägiger Tracks von Jay Z. ?Decoded? ist die
Entschlüsselung des musikalischen Genoms eines Ausnahmerappers. In zahlreichen
Fußnoten erläutert er mit Detailverliebtheit Raptechniken, Metaphern, Zweideutigkeiten und
Anspielungen. Bei Jay Z handelt es sich in jeder Hinsicht um einen wahrhaften Ästheten.
Deswegen schmückt auch eine Zeichnung von Andy Warhol das Buchcover.

Gerade jüngere Leser erfahren viel über Hip Hop vor ihrer Zeit. Von Run DMC und Public Enemy über BIG und 2pac bis Common und Talib Kweli zeichnet Jay Z die Geschichte
des Rap im Verhältnis zu seiner Entwicklung. Aber ?Decoded? ist auch eine Zeitreise durch
das Amerika des späten 20. Jahrhunderts, sozusagen eine schwarze Neuauflage von Forrest
Gump: Bilder und Bezüge zu Malcom X und Martin Luther King, die Trauer um das Ausmaß
des Wirbelsturms Kathrina und der anhaltende Rassismus im Land zeigen die politische
Seite von Jay Z. Die Polizei hat ihn in seinem Leben einige Male gedemütigt, auch deswegen
war ?Fuck government, niggas politics themselves? lange seine Staatsräson.

Mit Barack Obama, dessen Präsidentschaftseinführung Jay Z in Washington mit einer großen
Live-Performance begleitet hat, hat sich seine Beziehung zur Politik schlagartig gewandelt.
Heute kann er sich vorstellen, selbst einmal für ein politisches Amt zu kandidieren. Dass
Barack Oabama im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton gerne mal ?I got 99 problems but a bitch ain?t one? gerappt haben soll, glaubt auch Jay Z zwar nicht so wirklich, aber das
Gerücht scheint ihm zu gefallen.

Wichtiger als die Poltik aber ist für Jay Z sein ?Business?, klar. Er personifiziert den
Amercian Dream: er hat 10 Grammy-Awards gewonnen, 45 Millionen Platten verkauft und
sein eigenes Mode-Label gegründet, was er 2007 für über 200 Millionen Dollar verkauft
hat. Er war auf dem letzten Cover des Fortune-Magazins, das die 400 reichsten Amerikaner
portraitiert. Sein Kapitel über das Musikgeschäft macht deutlich, wie angefixt Jay Z von
wirtschaftlichem Erfolg war und ist. Den Verkauf von Drogen ließ er sein, weil ?Risiko und
Rendite nicht im Verhältnis standen?, wie er sagt.

Er fand es atemberaubend, den jungen Russell Simmons (damaliger Chef von Def Jam Records) mit
Turnschuhen in einem Bentley voller Models zu sehen. Man kann sagen, Erfolg war die
Triebfeder für sein Tun, Competition ging er nie aus dem Weg. Als ein Berater ihm davon
abriet, sein ?Black Album? am gleichen Tag wie das Album von 50 Cent und G-Unit zu
veröffentlichen, hieß es nur kurz und knapp: ?Put out my shit?: Jay Z stieg ein auf Platz 1 der
Billboard Charts.

Shawn Carter, wie Jay Z mit bürgerlichem Namen heißt, hat aber nicht nur Musikgeschichte
geschrieben, sondern auch einige der Business-Regeln neu geschrieben. Beeindruckend
und unterhaltsam schildert er seine Erinnerungen an Gespräche mit Vertretern der
Luxusgüterindustrie. Nachdem er gemerkt hatte, dass sein Einfluss bei vielen Leuten bis hin
auf Klamotten und Getränke wirkt, wollte er einige Deals aushandeln. Eine Modefirma wollte
ihm aber lediglich ein paar kostenlose Vorführstücke zur Verfügung stellen. Ein Champagner-
Hersteller wollte nicht mal mit dem ?schmutzigen? Rap in Verbindung gebracht werden. Also
wurde Jay-Z in außermusikalischen Bereichen unternehmerisch: ?I?m non a business man, I am a business man?.

Wer viel Privates von Jay Z erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar sind seine Erinnerungen
an seine Zeit in Brooklyn und sein Aufstreben in der Musikwelt stets brisant und sehr
persönlich gezeichnet, aber intim wird Jay Z nicht. Das Buch weckt zwar durchaus
Emotionen, aber die Gefühlslage des Autors bleibt oft im Dunklen. Jay Z erzählt, lässt
den Leser aber nicht wirklich an sich heran. Die alte literarische Regel ?Show, don?t tell?
beherzigt er nicht. Auch die Beziehungen zur seiner Familie und die Ehe mit Beyoncé Knowles werden
kaum mit einer Silbe erwähnt.

Das, was ?Decoded? allerdings wirklich distinktiv macht, sind die Erläuterungen unzähliger
Lyrics. Es wird schnell deutlich, dass Jay Z in seinen Texten gerne absichtlich missverstanden
wird. So wie er einst vom Kaufhausdetektiv beobachtet wurde, obwohl er nichts klauen
wollte, dann aber doch tat, um ein Spielchen zu treiben, spielt er heute gerne mit seinen
Kritikern und würfelt Worte und Vergleiche durcheinander. Für ihn bedeutet Rap ?Kunst auf
mehreren Schichten?. So gibt es die erste, offensichtliche Schicht, die meist von ?dummem
Geschwätz? handelt. Die zweite Schicht ist das Storytelling, was sich meist zwischen den
Zeilen abspielt und dem Hörer schon etwas Interpretationsvermögen abverlangt. Und in einer
dritten Schicht, so Jay Z, baut er gerne ?Ostereier? ein: kleine Feinheiten für die besonders
smarten Zuhörer.

Es bleibt ein wenig fragwürdig, warum jemand ein Buch für eine Generation schreibt, die
eigentlich kaum noch liest, höchstens einmal ein Hörbuch hört. Und das ist im Falle von Jay Z ja wirklich nicht nötig, denn die besten Geschichten hört man doch auf seinen Alben, oder?
Warum also dann ein Buch? Weil es wieder ungemein Lust auf Jay Z macht! ?Decoded? tut
Rap insgesamt einen großen Gefallen: Es erinnert uns daran, wirklich hinzuhören statt nur
zuzuhören ? und zwar mit Herz und Verstand. Den Sound hört man nach der Lektüre mit
anderen Ohren, wertschätzender und dankbarer. Und ?Decoded? ruft in Erinnerung, was oft in
Vergessenheit gerät: Rap ist mehr als Worte ? es ist ein Lebensgefühl.

Decoded erscheint am 16. November bei Spiegel & Grau (19,95?)

Danyal Bayaz, New York

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