Mancher deutscher Sprechgesangskünstler tut es, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, ein anderer aus Leidenschaft und ein dritter des schnöden Mammons wegen: Kollaborationen mit Rappern aus den USA. Auch wenn viele Deutschrapper heutzutage eher gen Paris beten, ist der Einfluss der USA als Geburtsland des HipHop auf die hiesige Szene ungebrochen. Das weiß auch der gemeine Fanpöbel. Ein entsprechendes Feature sorgt also gleichermaßen für Aufmerksamkeit und Respekt. Auch die Gegenseite hat etwas davon. Deutschland gehört zu den größten Musikmärkten der Welt, als große Nummer von Übersee wird man auf Händen getragen und ein exotisches Abenteuer mit “Se Tschörmans” hat an sich auch schon was für sich. So ist im Laufe der Jahre die eine oder andere transatlantische Perle entstanden. Sei es wegen musikalischer Qualität, spannenden Entstehungsgeschichten oder einfach der Skurrilität der Zusammenarbeit.

Sido feat. Dillon Cooper – Ackan

Zu Anfang erst mal ein Humble Brag: Egal was Fler sagt, Sido mit Dillon Cooper war unsere Idee. Naja, zumindest haben wir geholfen. Naja, zumindest denken wir, wir haben geholfen haben. 2014 verteilt Siggi in unserem Was hörst du gerade?” mit ihm Props an “so einen Internet-Typen”. Dieser Internet-Typ heißt Dillon Cooper und fühlt sich ein wenig später sichtlich geschmeichelt, als wir ihn darauf ansprechen. Klar, ein Beweis für unseren Beitrag ist das nicht. Aber solange niemand das Gegenteil beweist, halten wir daran fest.

Fard feat. Mobb Deep – Final Cut

Als Künstler und/oder Stammtischteilnehmer lästern wir gerne über nichtsnutzige, parasitäre Manager. Aber wenn sie ihren Job gut machen, haben alle etwas davon. Einen Track von Fard und Mobb Deep, zum Beispiel. Der Kontakt zwischen den Straßenpoeten aus Gladbeck und Queens kam über Mario ‘Dako’ Da Costa zustande, der sowohl für Fards Label Ruhrpott Elite als auch für das “Out4Fame“-Festival managet, bei dem Mobb Deep aufgetreten waren. Vorher hatte Fard auch schon mit Redman für den Track “Like this” zusammengearbeitet.

Kollegah feat. Game – Rolex Daytona

Im Idealfall verlaufen Kollaborationen wie Autobahnen, in beide Richtungen. Für den Track “Rolex Daytona” auf dem “King” Album holte sich Kollegah Verstärkung von The Game. Laut eigener Aussage ein Leidenschaftsprojekt, weil der Mann aus Compton “schon immer” einer von Kollegahs “Lieblingsrappern” gewesen sei. Warum? Wegen der Realness, natürlich. “Der geht durch die Straßen und boxt 40 Glocc einfach in die Hecke rein und filmt das dabei auch mit dem iPhone selber.” Offenbar beruht die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit, denn ein paar Monate später steuerte Kolle einen Part für Games deutsche Version des Tracks “Or Nah” bei.

Kay One & Red Cafe feat. Emory – Bottles & Models

Eine mindestens genauso symbiotische Beziehung sprießt zwischen Kay One und Red Cafe. Die beiden poppen nicht nur fröhlich Bottles und Models. Vor kurzem steuerte Kay einen Part zur deutschen Version des Red Cafe Tracks “No Fakes bei. Dem Songtitel entsprechend erzählt er darin wahrheitsgetreu, dass er den ganzen Tag Blei verteilt und sein Leben tendenziell dem von Eminem aus 8 Mile gleicht. Nur halt in Ravensburg, statt in Detroit. Vielleicht hat Cafe einfach noch nicht bemerkt, dass Kay nicht Haftbefehl ist, mit dem er vorher gearbeitet hat. Oder er ist einfach dankbar für die teutonische Aufmerksamkeit, die ihm als Rapper am unteren Ende der US-Rap-Nahrungskette zuteil wird.

Genetikk feat. RZA – Packets in den Boots


Was dabei rauskommt, wenn die amerikanische Seite nicht gerade Feuer und Flamme ist, lässt sich auf dem Genetikk Album “D.N.A.” nachhören. Auf dem Track “Packets in den Boots” klingt RZA ungefähr so engagiert wie dein Freundeskreis, wenn ein Umzug ansteht. Gerüchte, Selfmade hätte für den Part die Brieftasche geöffnet, machen nach dem Release schnell die Runde, auch wenn Sikk und Karuzo das vehement abstreiten. Der Kontakt sei über ein anderes Wu-Tang-Member zustande gekommen, als Genetikk für deutsche Gigs von GZA aufgetreten sind.

Bushido feat. J.R. Writer – Harter Brocken


Weniger ungeniert widmete sich Bushido der Thematik. In der Hook von “Harter Brocken” erklärt er mit J.R. Writer dem etwas langsameren Zuhörer noch einmal ganz genau das Konzept: “Bushido, Dipset, dies hier ist mein Ami-Feature.” Subtilität war eben noch nie seine Stärke, im Gegensatz zu seinem Geschäftssinn. Anno 2005 war Writers Crew Dipset der Shit, was sie dazu befähigte, schwerste modische Verbrechen gegen die HipHop-Menschheit begehen. #NeverForget.

Azad feat. Akon – Locked Up

Azad ist überzeugter Wiederholungstäter. Der Frankfurter Bozz hat über die Jahre eine Handvoll Ami-Features gesammelt. 2004 steuert er Parts zu der deutschen Version von AkonsLocked Up” bei, dafür ist Akon auf Azads Album “Game Over” zu hören. 2009 entsteht eine Kollabo mit dem Oldschoolverfechter aus Übersee, Kool G Rap. Sein persönliches Highlight ist jedoch eine andere Zusammenarbeit. Auch er erfüllt sich dank der deutschen Tour eines US-Rappers einen Traum, ein Feature mit Rakim. “Ich habe gelesen, dass Rakim in Deutschland ist und eine Show spielt. Damals war ich noch bei Universal und habe denen auch gesagt: ‚Vergesst alle Features die ihr mir klären könnt. Ich will Rakim’. Glücklicherweise kannte dann jemand den Booker für die Rakimshow und so kam dann über mehrere Ecken der Kontakt zustande.”

B-Tight & Toni D feat. Tim Dogg – Death Threat

Apropos fragwürdige Biografien. Die meisten Legenden über frühzeitig verstorbene Rapper spinnen sich um Auftragsmorde und Racheakte. Nicht so bei Tim Dog. Bis 2005 hatte sich der New Yorker durchaus einen Namen gemacht. Dann kam das Feature mit Tony D und B-Tight. Natürlich besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Gastengagement in Berlin und dem Absturz, der darauf folgen sollte. Aber es ist rückblickend irgendwie symbolisch. Tim Dog releast kaum noch Musik und wird 2011 zu 32.000 Dollar Strafe verurteilt. Er soll eine ältere Frau über eine Online-Dating-Plattform das Geld aus der Tasche gezogen haben. Im Februar 2013 stirbt er schließlich an den Folgen von Diabetes. Oder doch nicht? Seine Familie kann zuerst keinen Totenschein vorweisen. Der Bundesstaat Mississippi vermutet, Tim Dog habe seinen Tod nur vorgetäuscht, um der Strafzahlung zu entgehen, und erlässt einen Haftbefehl. Am Ende taucht der Totenschein doch auf. Das sind die offiziellen Fakten. Aber vielleicht, ganz vielleicht, sitzt er gerade mit 32.000 Dollar in den Taschen im ehemaligen Aggro-Büro in Kreuzberg und denkt dankbar, mit einem Lächeln im Gesicht an das Feature von damals zurück.

Smut Peddlers feat. Kool Savas – That Smut Part 2


2001 waren Ami-Features noch keine Selbstverständlichkeit. Anfragen aus den USA schon mal gar nicht. Dementsprechend wirbelt die Kollaboration zwischen den Smut Peddlers und einem gewissen Kool Savas damals ordentlich Staub auf. Wahrscheinlich ist der aufstrebende MC aus Kreuzberg zu der Zeit einfach zur richtigen Zeit auf der richtigen Sprosse der Karriereleiter. Savas’ Texte sind böse genug, um dem Albumtitel der Peddlers, “Porn Again”, gerecht zu werden und sein Hype erreicht, anders als bei Frauenarzt, Orgi und Konsorten, 2001 den Zenit.

Spax feat. LL Cool J – Blink Blink

Wer die Quintessenz von Kollaborationen zwischen deutschen und amerikanischen Rappern begreifen will, der muss sich einen anderen Vertreter von 2001 vor Augen führen. Das Video zu “Blink Blink” von Spax und LL Cool J hat alles, was das Herz begehrt: Ein bemühtes, deshalb aber nicht weniger genuscheltes “Doytshland” aus dem Munde des US-Rappers. Denglisch, bei dem sogar einem gewissen Drankliebhaber aus Österreich die Ears am hurten sind. So viel Chemie zwischen den beiden Künstlern wie in organischem Biotofu. Das schleichende Gefühl, dass sie sich am Aufnahmetag zum ersten und letzten Mal begegnet sind. Eine explosive Mischung, das dem transatlantischen Sprechgesangsaustausch bis heute oftmals als Blaupause dient.

Text: Carim