Man kann es kaum glauben, aber Experten sind sich einig: Das Jahr 2006 liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Damals sah die Welt anders aus: Das gemeine Volk gab sich der Euphorie des Sommermärchens hin, das ihm der Fußballkaiser ins Land gekauft geholt hatte. Wer zu den coolen Kids gehören wollte, steppte in Puma Speed Cats über den Schulhof. Birtney Spears trennte sich gerade noch rechtzeitig von Kevin Federline. Andernfalls wäre Britney noch durchgedreht oder so. Generell war musikalisch Einiges los, auch im Deutschrap. Zeit für einen Rückblick.

Aggro sagt an

Der unangefochtene Nabel der Szene ist Anno 2006 die Hauptstadt. Die Untergrund- und Independentszene floriert dort nach wie vor. Nach gefühlten 100 Rückschlägen feiert Sentence mit “Ich bin deutscher Hip Hop” sein Albumdebüt über 5 vor 12 RecordsPrinz Pi und sein selbst gegründetes Label No Peanuts steigen mit “Donnerwetter” erstmals in die Charts ein und der Royal Bunker geht, Schlaglöcher inklusive, seinen Weg. Den Ton, in Berlin und in ganz Deutschland, gibt aber ein anderes Label vor. Den Ton einer Kreissäge, um genau zu sein. Aggro Berlin befindet sich 2006 am Zenit seiner Vormachtstellung, angeführt von Zugpferd Sido. Mit “Ich” erscheint im Dezember Siggis zweites Soloalbum. Ganz im Sinne des Titels geht es darin nicht mehr nur um schmerzhafte Sexualpraktiken und Lokalpatriotismus. Sido nimmt die Maske ab, im übertragenen Sinne wie wörtlich, und gibt erste Einblicke in sein Inneres. Die deutsche Klatschleserschaft dankt es ihm mit einem dritten Platz in der Liste der nervigsten Deutschen des Jahres, hinter Society-Sternchen (?) Tatjana Gsell und Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz.

Deutschrap entdeckt YouTube

Dem Erfolg tut das keinen Abbruch, wahrscheinlich eher im Gegenteil. “Ich” wird 80.000 Mal vorbestellt, steigt auf Platz 4 der Charts ein und geht nach  zwei Tagen Gold – damals ein Rekord. Auch die restliche Belegschaft des Labels mit dem Sägeblatt hat gut Lachen. Flers zweites Album “Trendsetter” und die “Aggro Ansage Nr. 5“, die schon Ende Dezember 2005 veröffentlicht wurde, schaffen es in die Top 10. Nebenbei versucht man sich in den Neuen Medien. AGGRO.TV nimmt im September auf YouTube den Betrieb auf und versorgt, bevor man Newcomer um Ruhe bitten lässt, in erster Linie die Fans mit neuen Musikvideos und exklusiven Einblicken hinter die Kulissen.

Erserfolgreicherjunge

Bei all dem Glanz und Gloria für Aggro würde sich Bushido sicher in Grund und Boden ärgern, wäre er nicht so damit beschäftigt, das Game abzureißen. Sein viertes Studioalbum “Von der Skyline zum Bordstein zurück” ist gleichzeitig eine Rückbesinnung auf die Stärken seines Debüts, ein Fickt-euch an Aggro Berlin und, neben Jan DelaysMercedes-Dance“, die erfolgreichste Deutschrapplatte des Jahres. Ohnehin versteht es Bushido schon damals, aus Ärger Profit zu schlagen. Ursprünglich enthält VDSZBZ als 11. Track den Song “September“. Universal, zu dem Zeitpunkt Vertriebspartner von Bushidos Label Ersguterjunge, ist von der Anspielung auf 9/11 wenig begeistert, zumal ein vereitelter Terroranschlag in London die Schlagzeilen beherrscht. Bushido gibt schließlich nach und nimmt “September” vom Album. Dafür darf er vorzeitig aus dem Vertriebsdeal aussteigen und wechselt zu Sony BMG. Ein Wechsel, der sich gelohnt haben dürfte. EGJ kann, teils vor, teils nach der Trennung von Universal, mit dem Sampler “Nemesis” und diversen Solo-Alben seiner Acts zahlreiche Erfolge landen.

Stress mit Grund

Man sollte also meinen, das alles rosig sei im Hause Ferchichi. Bushido wäre aber nicht Bushido, wenn er nicht mit einem ehemaligen Weggefährten im Clinch läge. 2006 wird Bass Sultan Hengzt diese Ehre zuteil. Er verlässt EGJ , weil sein Labelchef ihn absichtlich zurückgehalten habe. Man tauscht darauf hin munter Disstracks aus, bis die Fehde schließlich ein jähes Ende findet: Zum Bedauern beider Parteien kann man sich terminlich leider nicht auf einen angedachten “Einzelkampf” einigen. Vielleicht, weil Hengzt anderweitig beschäftigt war, zum Beispiel mit Raptile. Wie gesagt, YouTube war damals Neuland für Deutschrap und der Umgang mit einer Webcam will erst einmal gelernt sein. Mal ganz abgesehen von dem lupenreinen Oxford-Englisch, mit dem Hengzt in einer Ansage auf den Szene-Rundumschlag der Münchener Sprechgesangsechse antwortet. Gott sei Dank hat das Goldstück in Vier-zu-Drei-Format dem Zahn der Zeit getrotzt, also look it einfach yourself an:

Die Nachbeben von “One” 

Über Personalmangel kann sich Bushido auch nach dem Abgang von Hengzt nicht beschweren. 2006 tummeln sich auf seinem Label illustre Gestalten wie D-Bo, Baba Saad und ein Chakuza, der dem heutigen Chakuza das Taschengeld abziehen würde. Im Dezember unterschreibt sogar der erst kürzlich von Kool Savas verurteilte Eko Fresh bei EGJ. Apropos Savas. Der nutzt 2006 seine durch die Azad-Kollabo “One” neu gewonnene Mainstream-Popularität und Geldreserve, um Optik Records und Umgebung zu pushen. Statt ein eigenes Album zu releasen, liefert er Parts für Olli Banjos Mixtape “Sparring II” ab und stellt den hauptsächlich von Melbeatz produzierten Sampler “Optik Takover” in die Läden. Die Tracks mit Parts von Amar, Caput, Ercandize, Moe MitchellSinan und späteren Signings wie Kaas und Franky Kubrick chartet auf Platz 8. Der gleiche Einstieg glückt der anderen Hälfte von “One“, Azad. Das Album “Game Over” ist sein bis dato größter Erfolg als Solo-Künstler, spaltet allerdings die alteingesessenen Fans. Eine Hälfte sieht darin den nächsten Level für Azads Karriere, die andere wittert Sell-out. Azad lässt sich davon offenbar nicht abschrecken und experimentiert mit der internationalen Szene. Im November steuert er einen Part für die Videosingle “2Kaiser” des russischen Rapstars Seryoga bei.

Frankfurt erfindet sich neu

Währenddessen veröffentlicht Azads Label Bozz Music das Jonesmann-Album “S.J.” und einen STI-Remix seines Albums “Der Bozz“. STI ist längst nicht der einzige Produzent im Stalle Bozz Music, im Gegenteil. Gesignt sind unter anderem auch M3 & Noyd und ab 2006 schließlich Benny Blanco. Namen, die sich heute in den Credits von so ziemlich jeder Azzlack-Scheibe finden und von dem Generationswechsel zeugen, der in Frankfurt zu der Zeit langsam seinen Anfang nimmt. Der alte Platzhirsch Moses P. und sein Label 3p konzentrieren sich, abgesehen von  IllmaticsOfficillz Bootleg 2 – Brillant 2.0“-Album, zunehmend auf andere Musikrichtungen. Bis zum Siegeszug der asozialen Kanacken soll es ab dann zwar noch ein paar Jährchen dauern. Vega macht dagegen mit dem Projekt “Deutsche Probleme“, das in Zusammenarbeit mit Seperate entstand, bereist von sich reden.

Im Westen nix Großes

Mit Luxusproblemen wie Chart-Platzierungen und Sell-out-Vorwürfen hat der Westen 2006 nichts zu tun. Im Vergleich zu heute ist es vor zehn Jahren eher ruhig an Niederrhein und Ruhr. Ekos Label German Dream, mehr oder weniger das erste Lebenszeichen des späteren Deutschrapzentrums, hat 2006 zwar künftige Stars wie Summer Cem und Farid Bang unter Vertrag. Dem Label fehlt es jedoch an einer klaren Marschroute. Man lässt sich von Nebensächlichkeiten ablenken, geplante Alben werden nicht zuletzt wegen der turbulenten Karriere von Labelboss Eko Fresh immer wieder verschoben und schließlich verworfen.

Während Schwesta Ewa im Frankfurter Bahnhofsviertel ihrer ersten Karriere nachgeht, stellt SSIO als “Kanakonda” Freetracks ins Netz. Alles oder Nix Records ist aber gerade mal ein fixer Gedanke in Xatars blank poliertem Schädel, irgendwo zwischen “Ich bräuchte eigentlich mal wieder einen Mantel” und “Was macht wohl der Goldkurs?”. Er hat genug mit dem Internetcafé seiner Mutter zu tun, bei dem er mithilft.

Selfmade Records ist da schon ein Stückchen weiter. Elvirs erste Signings, Favorite, Shiml und ein gewisser Kollegah, sind unter Kennern beliebt, ansonsten aber weitestgehend unbekannt. Am Mainstream geschnuppert hat bis dahin nur Hausproduzent Rizbo, der den Beat für Bushidos 2005 veröffentlichte Single “Endgegner” gebaut hatte. Das ändert sich durch “Boss der Bosse“. Kollegahs erstes Streetalbum bricht keine Verkaufsrekorde. Das laute Medienecho verschafft ihm allerdings noch im gleichen Jahr seinen ersten, inzwischen legendären weil ordentlich verkackten, Auftritt auf dem splash!. Nach wenigen Minuten auf der Bühne muss er die Segel streichen. Wie man heute weiß, wird er letztlich das Beste daraus machen.

Nordisch by Choice

Rapper aus Städten mit kleiner Szene, die den Charterfolg suchen, suchen ihn in Städten mit großer Szene. Hamburg ist 2006 nicht mehr das, was es um die Jahrtausendwende war. Tod ist der Standort aber längst nicht. Eißfeldt stürmt als Jan Delay die Charts und Samy Deluxe bietet mit Deluxe Records Talenten aus der ganzen Republik eine Anlaufstelle. Allein 2006 signt er den Münchener Ali As sowie die Pott-Rapper Manuellsen und Snaga & Pillath, die zuvor einen kurzen Zwischenstopp bei Moses P. in Frankfurt machten. Allesamt sind noch im gleichen Jahr auf dem Labelsampler “Deluxe Von Kopf bis Fuss” vertreten, der im Grunde nur als Werbemittel für Samys Modeprojekte für Reebok und New Era Cap dient, und können teilweise schon eigene Projekte ins Presswerk schicken. Manuellsen veröffentlicht beispielsweise das Album “Insallah“, Snaga & Pillath das Mixtape “Eine Frage der Ehre“.

Zurück in die Zukunft

Inzwischen steht “TRL” mehr für die Skala zur Bewertung des Entwicklungsstandes von neuen Technologien als für eine rapaffine Show auf MTV. MySpace ist nicht mehr als eine vage überlieferte Legende und die meisten Ausgaben der Bravo HipHop sind zu Klopapier verarbeitet, was – sein wir ehrlich – auch besser so ist. 2006 erscheint wie eine längst vergangene Ära. Dabei hat sich im Grunde gar nicht so viel verändert: Die Szene ist etwas größer geworden und ist besser auf das Land verteilt. Soziale Medien bieten jedem Künstler die Möglichkeit, ihrem Publikum Kunst unmittelbar und unzensiert zu vermitteln. Soziale Medien bieten rappenden Teilzeitgurus die Möglichkeit, ihrem Publikum Lebensweisheiten unmittelbar und unzensiert zu vermitteln. Alles ist ein bisschen schöner geworden, am Ende wurde alles gut. Macht das den nostalgischen Rückblick nicht umso schöner?

Text: Carim