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“Hör auf die Stimme, hör auf den Beat, denn der Underground siegt.”

Battle Rap ist auch im ausgehenden Jahr 2012 nach wie vor ein fester Bestandteil im Deutschrapgepräge und existiert in zahlreichen Variationen, seien es die kunstvoll verschachtelten Drogendealer Metaphern eines Kollegah oder die ignoranten und ironischen Spitzen eines Weekend‘s. Vor allem aber Kool Savas, der 2012 wohl eines der erfolgreichsten Jahre in seiner langlebigen Karriere verzeichnen konnte, wird wie kein Zweiter mit dem Begriff des Battle Raps assoziiert. Auch wenn er in den vergangenen Monaten im Verbund mit Xavier Naidoo vorübergehend eine andere musikalische Richtung eingeschlagen hat, gilt Essah als einer der unangefochtenen Pioniere in Sachen deutscher Battle Lyrik.

Wenn man sich Savas’ Werdegang zu Gemüte führt, sollte man allerdings nicht vergessen, dass er in früheren Jahren seiner Karriere nicht als reiner Solo Battle MC agierte, sondern hauptsächlich im Crew Gefüge mit Taktloss als Westberlin Maskulin sowie mit seiner M.O.R. Clique battlelastige Mixtapes und Alben releaste. Vor allem das M.O.R. Album “NLP” aus dem Jahre 2001 gilt dabei als wahrhafter Battle Rap Meilenstein, der zudem erstmals den Berliner Rap regional übergreifend etablieren konnte. Zeit also, sich diesen verdienten Klassiker in der Retrospketive vor Augen zu führen.

Die 1996 gegründete Crew M.O.R. steht für Masters Of Rap und setzte sich anno 2001 aus 9 Mitgliedern zusammen: neben Kool Savas und seiner damaligen Freundin Melbeatz gehörten noch Justus Jonas, der Rap Roboter Jack Orsen, Fumanschu, Fuat, Savas‘ Cousin Ronald Mack Donald, Illo und Martin B. zu der Berliner Rapformation. Zu dieser Zeit herrschten in Rapdeutschland überwiegend spaßige oder gesellschaftkritische Rapentwürfe, die in ihrer Sprachwahl meist ohne provozierendes Wortgut auskamen und daher trotz aller inhaltlichen Finessen insgesamt ein wenig angepasster und harmloser wirkten. Vor allem in Berlin regte sich lebhafter Widerstand gegen diese populäre Rapmusik aus den damaligen Hip Hop Hauptstädten Hamburg und Stuttgart, so dass die Berliner Rapper bewußt versuchten, sich mit ihrer Musik vom gängigen Deutschrap abzugrenzen. Crews wie Die Sekte (u.a. sido, B-Tight, Rhymin Simon & Vokalmatador) oder das damalige Bassboxxx Camp (u.a. MC Bogy, King Orgasmus One, Basstard, Frauenarzt, Mach One) lieferten einen rohen und ungefilterten Sound, der mit expliziten und freizügigen Texten rund um Sex & Gewalt provozierte, gleichzeitig aber auch durch diesen sehr kompromisslosen Ansatz starkes Interesse bei den Zuhörern weckte.

Musikalisch wirkten viele der Berliner Veröffentlichungen oftmals noch unausgereift und unfertig, wenn nicht gar leicht amateurhaft: zumeist wurden die Tapes im heimischen Wohnzimmer aufgenommen und nach dem Do It Yourself Prinzip in Handarbeit als Kassette (!) an den Mann gebracht. Das Potenzial vieler MC’s ließ sich zwar bereits zu diesem Zeitpunkt erahnen, doch qualitativ schwankten einige der Releases doch recht deutlich. Trotzdem gewann der härtere Rap Style aus der Hauptstadt rasch viele Fans, die einen provokanteren Gegenentwurf zum politisch korrekten und netten Deutschrap lange herbeigesehnt hatten.

Das von Staiger geführte Independent Label Royal Bunker stellte ebenfalls eine wichtige Anlaufstelle für hungrige MC’s aus der Hauptstadt dar und beherbergte als Speerspitze der Berliner Battlerap Bewegung u.a. auch sido & B-Tight, die damals noch unter dem Namen Royal TS ihre Tapes verkauften. Auch M.O.R. fanden bei Royal Bunker ein passendes Zuhause und veröffentlichten im Zuge der aufbrodelnden Berlinrap Bewegung im April 2001 eben jenes “NLP” Album (steht für Neurolinguistisches Programmieren), das mittels seiner durch und durch unangepassten und angriffslutigen Attitüde den bösen Gegenpart zu den gängigen Spaßkappellen Deutschraps einnahm.

Das Album selber wurde innerhalb kürzester Zeit aufgenommen und stellt durch diese unfertige und improvisierte Herangehensweise ein hervorragendes Zeitdokument aus dem Berliner Untergrund dar, der sich dank M.O.R. zum ersten Male auf das nationale Parkett traute und zu überzeugen vermochte. Thematisch bieten die 18 Anspielpunkte des Werkes durchgängig direkte und ungefilterte Battlekost rund um Flows und zu vernichtende Whack MC’s, wobei die M.O.R. Rapper bewußt eine möglichst aufmüpfige Außenseiterposition zu Rapdeutschland beziehen. Im Kampfe gegen die Whackness vermöbelten Savas und Co. jeden lyrischen Gegner, wobei Kool Savas eine Ausnahmestellung innerhalb der Crew innehatte und das Kollektiv mit seinen Parts maßgeblich prägte. Doch auch Justus Jonas mit seinen gesellschaftkritischen Spitzen, der stets aggressive reimende Ronald Mack Donald sowie der grundentspannte Fumanschu überzeugen auf dem Battle Manifest mit Abhandlungen über zu zerippende gegnerische Crews und frontende MC’s. Dem damaligen Zeitgeist und der rebellischen HAltung entsprechend wird auf dem Album auch gegen Hamburg und Stuttgart geschossen: vielen Berliner Rappern war die damalige Vormachtstellung dieser Rap Ballungszentren ein Dorn im Auge, so dass man sich kleine Sticheleien gegen beliebte MC’s wie Samy Deluxe und Co. oftmals nicht verkneifen konnte:

Die musikalische Untermalung passt hervorragend zu den lyrischen Gemetzeln der M.O.R. Rapper: die Beats kommen teils druckvoll (“Nordwestberlin”, “Eintr8”) teils melodiös-entspannt (“Elefanten”, “NLP”) daher und geben den MC’s jederzeit genügend Raum ihre Battle Invasion an den Mann zu bringen. Ein Highlight ist beispielsweise das relaxte “Bei Mir” mit seinem hypnotisierend pumpenden Synthie Beat und dem hochgepitchten Vocal Sample Einsatz, auf dem Kool Savas und Fumanschu ihre Ansichten zum Thema Dopeness zum Besten geben. Das dazugehörige Low Budget Video verdeutlicht noch einmal den intuitiv eingerappten und improvisierten Charme des Albums:

Natürlich bietet “NLP” auch einige Schwachpunkte, die einem heute eher auffallen als damals: aufgrund der ungezwungen wirkenden Herangehensweise haben sich einige doch sehr holprige Reimpassagen auf das Album geschlichen und auch das konsequent durchgezogene Battle Prinzip führt auf Dauer zu einer gewissen Monotonie. Ebenfalls wirken einige der Instrumentals inzwischen deutlich angestaubt. Zudem fiel der inflationäre Gebrauch des Wortes “Nigga” bereits damals negativ auf und wurde teils heftig kritisiert.

Im Gegensatz zu anderen Berliner Kollegen, bei denen die harten Texte auch durchaus einen gewissen Lifestyle widerspiegelten, ging es bei den M.O.R. Jungs immer um Battlerap an sich, auch wenn einige Fans aufgrund der härteten Gangart im M.O.R. Sound zunächst annahmen, dass es sich bei der Berliner Crew um böse Kerle aus den Hinterhöfen der Hauptstadt handelte. Dabei wahren M.O.R. in erster Linie ganz normale Rapper, die sich der Disziplin des Battleraps verschrieben hatten und keine messerschwingenden Gangster. So studierte Justus beispielsweise Jura und lagerte eben keinen Sprengstoff in seiner Wohnung. Auch anhand der Interviews dieser Zeit erkennt man, dass es sich bei der M.O.R. Crew um einen verpeilten und talentierten Haufen junger Rapper handelte, die sich schlicht für angriffslustige Battle Texte begeisterten. Trotz allem sahen sich die M.O.R. Mitglieder in der Folge unnötigen Kredibilitätsdiskussionen ausgesetzt, die in dem völlig überzogenen MOK Disstape “Fick M.O.R. gipfelten.

Auch kommerziell stellte “NLP” einen echten Durchbruch dar. Das Album stieg auf Platz 65 der Albencharts ein, was für ein Independent Label wie Royal Bunker zu diesem Zeitpunkt einen bahnbrechenden Erfolg bedeutete. Bis dato bildete der Berliner Rap noch eine reine Untergrund Bewegung, bei der man nicht einschätzen konnte, ob sich der Berliner Rapentwurf auch national etablieren könnte oder ein Nischenprodukt bleiben würde. M.O.R. jedoch schafften es mit ihrem Battle Manifest deutschlandweit für Furore zu sorgen und gossen damit ein Fundament für Berliner Rapmusik, auf dem später auch Aggro Berlin seinen beispiellosen Siegeszug beginnen konnte.

Insgesamt ist M.O.R.‘s “NLP” ein legendärer Deutschrap Meilenstein, bei dem Beats und Raps zu einer rohen und perfekten Momentaufnahme Berliner Raps verschmelzen. Zudem handelt es sich bei dem Album um eine letzte wirkliche Skizze des M.O.R. Sounds, da Kool Savas zusammen mit Melbeatz noch im selben Jahr die Crew verließ und sich in der Folge auf seine Solokarriere sowie sein Optik Records Label fokussierte. M.O.R. veröffentlichten zwar in teils neuer/alter Formation noch das Mixtape “Hip Hop Is Still Ok” (2005) und das Album “Simply The Best” (2007) konnten allerdings nicht mehr an die frühere Relevanz anknüpfen. Ihren Status als Battle Rap Pioniere jedoch haben sich die Masters Of Rap vollends verdient.

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