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Wenn man den aktuellen Dr. Dre & Snoop Dogg-Auftritt beim diesjährigen Coachella Festival begutachtet, dann freut man sich natürlich einerseits über die Peformance zweier Rap Legenden. Gleichzeitig aber geistert beim Anblick von Dre immer noch dieses Unwort namens “Detox” im Kopfe umher. Woher stammt eigentlich diese Faszination für ein Album, bei dem die wirklichen Fakten noch fehlen und man außer vielen Gerüchten, zahlreichen Interviews und einigen Leaks nichts Konkretes vorweisen kann? Zeit also den Mythos um Dr. Dre‘s Schaffen als Solokünstler einmal genauer zu beleuchten.

Eines steht fest: Dr. Dre ist unzweifelhaft eine Producer-Legende und genießt völlig zurecht einen beinahe unantastbaren Status in der Rapwelt. Zwar wird mancherorts moniert, dass der gute Andre Young im Endeffekt nur ein großes Team an Musikern dirigiert, die dann den Großteil der Produktion erledigen, doch sollte man dies anhand der über die Jahre entstandenen zahlreichen Hits aus der Dre’schen Beatschmiede nicht überbewerten. Andere wiederum bemängeln die neueren Arbeiten des Altmeisters und schlussfolgern, dass Dr. Dre mittlerweile seinen musikalischen Zenit überschritten hat. Diese Kritik paart sich mit der zermürbenden Posse um das vor gefühlten Ewigkeiten angekündigte und eigentlich auch sehnsüchtig erwartete “Detox” Album. Die Schmierenkomödie um das angebliche letzte Dr. Dre Album nimmt mittlerweile beinahe irrwitzige Züge an und hat sich längst zum Treppenwitz der Musikindustrie entwickelt.

Auch wenn man es kaum glauben mag, so wurde Dr. Dre‘s “Detox” bereits kurz nach dem Release von “2001”, also im Jahr 2000 zum ersten Male erwähnt. Was folgte, war eine denkwürdige und zuweilen unglaubwürdige Scharade rund um das heißersehnte Solowerk des Beatgurus: Immer wieder fütterte Dr. Dre oder einer der vermuteten 2500 involvierten Rapper/Producer die Öffentlichkeit häppchenweise mit Neuigkeiten rund um den Aufnahmeprozess und es folgte eine Odysee an Ankündigungen, vorzeitigen Leaks, Releasedates und einigen Missverständnissen. Ende 2010 sah es sogar mal wirklich aus, als ob Dr. Dre ein Erbarmen mit den Musikfans hat und endlich auf ein konkretes Releasedate hinarbeitet. So erschienen die Tracks ‘Kush’ und ‘I Need A Doctor’ als Singles inklusive obligatorischen Videoclips. ‘Kush‘ stellt einen soliden Club Banger mit Gastaufrtitten von Akon & Snoop Dogg dar und kletterte bis auf Rang 34 der Billboard Hot 100. Die Alex Da Kid-Produktion ‘I Need A Doctor‘ thematisiert die Freundschaft zwischen Dr. Dre und Eminem, mutet dank der Hook von Skylar Grey sehr poppig an und stände einem Schmusebarden wie B.O.B. wohl besser. Trotzdem war der Song sehr erfolgreich, stieg auf Platz 4 der amerikanischen Singlecharts ein und liegt inzwischen bei mehr als 2.000.000 Verkäufen. Insgesamt also eine amtliche Sache, so dass man hätte denken können, dass das zugehörige Album in Reichweite liegt, aber so kam es leider dann doch nicht…

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2012: “Detox” ist trotz langjähriger Wartezeit natürlich noch immer nicht erschienen und die Rapgemeinde ist mehr als genervt. Dabei muss man natürlich bedenken, dass der Doktor immer wieder anderen zeitintensiven Projekten eine höhere Priorität einräumte und beispielsweise Busta Rhymes “The Big Bang”, sowie The Game “The Documentary” betreute.

Trotzdem fühlen viele Rapfans sich angesichts des Perfektionismus des Producers oder der teils angenommenen Unfähigkeit ein neues Album auf die Beine zu stellen, nun gehörig verarscht. Dies mag auch daran liegen, dass von Zeit zu Zeit immer mal wieder Tracks auftauchen, die angeblich aus dem sagenumwobenen Album herrühren, aber später von Dre persönlich dann als Non Album Material abgefrühstückt werden. ‘Under Pressure’ mit Jay-Z stellt so einen verunglückten Leak dar:

Auch wenn Dr. Dre inzwischen gefühlte 800 Rapper für die Aufnahmen an “Detox” in sein Studio gelockt hat und man durchaus den Eindruck gewinnen kann, dass er sich momentan lieber mit seiner Kopfhörermarke Beats By Dre, sowie Bankdrücken beschäftigt, sollte man eigentlich gelassen bleiben. Zwar weigern sich viele verärgerte Rapfans mittlerweile überhaupt noch auf “Detox” zu warten, doch muss man sich auch fragen, warum man so sehnsüchtig neues Solomaterial vom Doktor herbeiwünscht: mit den beiden Vorgängern “The Chronic sowie “2001” hat Dr. Dre einfach zwei zeitlose und unfickbare Klassiker zu verbuchen, die so prägend waren, dass sich die Erwartungen und Wünsche an ein neues Dre Album in ungeahnte Sphären katapultiert haben. Dies mag auch der Grund sein, warum sich der West Coast Producer nicht traut, sein neues Werk auf die Zuhörerschaft loszulassen, denn eigentlich kann er die immensen Erwartungen nur enttäuschen. Daher sollte man vielleicht einfach aufhören auf “Detox” zu warten und die Diskografie des Beatbauers feiern und genießen. Wir gönnen uns also jetzt einen Rückblick auf “The Chronic und “2001”:


The Chronic:

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“The Chronic markiert das Solodebut Dre‘s, der zuvor mit seiner Crew N.W.A. erfolgreich unterwegs war. Das Album erschien am 15. Dezember 1992 über Death Row Records/Priority Records. N.W.A. war anhand vieler Streitereien zerbrochen und Dr. Dre nutzte sein Solowerk u.a. um seinen ehemaligen Weggefährten Eazy E und dessen Ruthless Records zu verspotten. Im Video zur zweiten Single ‘Fuck Wit Dre Day‘ kann man beispielsweise ein Eazy E-Imitat erkennen, das sich Sleazy E nennt. Zudem bekommen Auch Tim Dog und Uncle Luke von der 2 Live Crew Seitenhiebe verpasst (“Tim Dog can eat a big fat dick. Luke, can eat a fat dick.”):

Weiterhin nutzte Dr. Dre die Gelegenheit um der Öffentlichkeit seinen neuen Protegé Snoop Dogg (damals nannte er sich noch Snoop Doggy Dogg) zu präsentieren. Im Video zum Alltime Classic ‘Nuthin But A G Thang‘ stellte sich Snoop dann vor und vom heutigen so selbstsicheren und relaxten Entertainer Uncle Snoop war anno 1992 noch nicht viel zu sehen. Mit kurzem Haar und schüchternen Blick, wagt Snoop fast gar nicht in die Kamera zu blicken. Vielleicht war er aber auch nur high:

Ein weiterer für das Album exemplarischer Song ist die dritte Singleauskopplung ‘Let Me Ride‘. Auf einem entspannten G-Funk Beat spricht Dre über seine Schandtaten und auch das Video repräsentiert einen typischen Tag an der Westside inklusive hüpfender Low Rider und schöner Weiber. Ice Cube schaut auch kurz auf eine Cameo-Appearance vorbei. Ebenfalls grandios: die am Anfang des Videos stattfindene Game Show The $20 Sack Pyramid mit den Teilnehmern Warren G und dem N.W.A. Ghostwriter The D.O.C.:

Prägend für den Sound des Albums, war der sogenannte G-Funk, der sich an den 70/80er Funk anlehnt und mit tiefen Basslines und Synthesizer-Einsatz daherkommt. Zwar ist streitig ist, ob Dre tatsächlich den G-Funk erfunden hat (Cold 187um behauptet, dass er der Innovator dieses Musikstils sei), jedoch hat Dr. Dre diesen Klangteppich in der Musikindustrie populär gemacht und prägte mit seinem Soundentwurf die Hip Hop Musik in den kommenden Jahren.

Inhaltlich überwiegen auf dem Tonträger die von N.W.A. bekannten Themen rund um Sex, Blunts & Gewalt – was man an Liedtiteln wie ‘A Nigga Witta Gun‘ oder ‘Deez Nuts‘ bereits unschwer erkennen kann. Featuretechnisch versammelte Dr. Dre zum allergrößten Teil West Coast Künstler wie die damaligen noch jungen Lady Of Rage, The D.O.C., Kurupt, seinen Cousin Warren G, Nate Dogg, Daz Dillinger oder RBX. Daz Dillinger/Daz performte damals übrigens noch unter dem einfallsreichen Künstlernamen Dat Nigga Daz. Als einzigen Kritikpunkt lässt sich heutzutage lediglich bemängeln, dass die Reimtechnik ein wenig simpel anmutet. Dr. Dre war eben nie dafür berühmt ein technisch versierter Rapper zu sein, hat sich mittlerweile aber einige Ghostwriter engagiert, die auch diesen Teil zufriedenstellend abdecken.

Als Bonus Track hat sich auf “The Chronic ein weiterer Diss in Richtung Eazy E geschlichen: der Track hört auf den klangvollen Namen ‘Bitches Ain’t Shit‘ und wurde vom Singer/Songwriter Ben Folds in einer romantischen Piano Version gecovert:

Insgesamt stellt “The Chronic” einen wegweisenden Klassiker dar, der Dr. Dre als Solokünstler etablierte und nichts von seinem lässigen Charme verloren hat.


2001:

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“2001” erschien am 16. November 1999 in den Staaten und stieg mit 516.000 verkauften Einheiten auf Platz 2 der Billboard Charts ein. Vom Sound her, hatte sich Dr. Dre längst vom G-Funk verabschiedet und setzte zusammen mit seinem Co-Producer Mel-Man auf einen moderneren, atmosphärischen Soundentwurf. Dabei integrierte er u.a. auch die exzellenten Pianoklänge des Cocaine Cowboys Scott Storch, der beispielsweise die Pianosounds auf der ersten Single ‘Still D.R.E.’ beisteuerte.

‘Still D.R.E.’ war eine wahrhafte Monstersingle und stellt immer noch ein echtes Manifest dar. Zum Einen zelebriert der Track die musikalische Wiedervereinigung Dre’s und Snoop Dogg‘s und zum Anderen rechnet der Veteran Dre mit den Kritikern und Zweiflern ab, die angesichts dieser gewaltigen Single einhellig verstummten:

“Ladies, they pay homage, but haters say Dre fell off
How nigga? My last album was “The Chronic!”

Dabei sollte man darauf hinweisen, dass im Booklet ein gewisser Shawn Corey Carter als Verantwortlicher für die Lyrics ausgewiesen wird: Ja ja, der Text zu Still D.R.E. stammt aus der Feder von keinem Geringeren als Jay-Z persönlich. Das Aufeinandertreffen der Superlative komplettiert standesgemäß Hype Williams, der die Regie zum Video führte und die standesgemäßen Low Rider einbaut.

Ein weiterer Überhit ist mit Sicherheit auch die zweite Single ‘Forgot About Dre’. Auch in diesem Track geht Dr. Dre nochmals auf die Zweifler ein, die ihm beispielsweise nach seinem Flop als Producer der Supergroup The Firm (bestehend aus Nas, Foxy Brown, AZ und Cormega bzw. Nature) schon abgeschrieben hatten. Dementsprechend wütend und aggressiv geht der Meister zur Sache:

“All you niggaz that said that I turned pop, or The Firm flopped
Y’all are the reason that Dre ain’t been gettin no sleep
so FUCK Y’ALL, all of y’all; if y’all don’t like me, BLOW ME!
Y’all are gonna keep fuckin around wit me
and turn me back to the old me”

Dem anggrifslustigen Dre assistiert Eminem, der zu diesem Zeitpunkt mit seinem zuvor releasten Major-Debut “The Slim Shady LP” große Erfolge feiern konnte, aber noch längst nicht den Status hatte, den er heute vorweisen kann. Der damalige Eminem spuckte durchgängig böse und gewalttätige, aber auch technisch ausgefeilte Parts ins Mikrofon, die wie auf ‘Forgot About Dre’ eine fast unschlagbare Klasse auffahren.

Am Ende des Videos gibt es noch einen auf der Albumversion nicht enthaltenen Hittman Part. Hittman war auf sage und schreibe 8 Anspielstationen auf “2001” vorzufinden und sollte eigentlich bei Aftermath Entertainment groß rauskommen. Dazu kam es jedoch nie und so verschwand der Rapper in der Folgezeit spurlos in der Versenkung. Bei “Detox” allerdings soll er angeblich wieder an Bord sein, was Bishop Lamont sagte, der wiederum bei “Detox” auch mit von der Partie sein soll…ach lassen wir das.

Die dritte Single stellte der Track ‘The Next Episode’ dar, welcher sich in Rekordzeit zum Party Klassiker entwickelte. Kurupt, Dr. Dre und Snoop Dogg besorgten die Parts, und die verstorbene West Coast Legende Nate Dogg gab in gewohnt unaufgeregtem Ton eine absolute Kultphrase von sich: “Smoke Weed Everday”. Noch immer funktioniert der Track auf den lokalen Scheunen-Feten oder Abi-Partys. Die gängige Videoversion musste leider textlich zensiert werden:

Ansonsten vereint “2001” wie bereits sein Vorgänger die gesamte Westküste und kommt mit einem regelrechten Who Is Who des Westens daher: so durften neben den bereits erwähnten Protagonisten u.a. Xzibit, Kokane, Knoc-Turn’al und King Tee an dem Meisterwerk mitarbeiten. Wenn dann auch so ein alter Haudegen wie MC Ren ein paar sinnfreie Zeilen zum Besten gibt und der eher Backpack-affine Defari neben den Gangsta Rappern ans Mikro darf, dann bemerkt man erst mit was für einem tollen und prägendem Album es zu tun hat. Inhaltlich dominieren zwar die gewohnten Storys um Pussy, Geld & Waffen, aber wenn dies auf einem so hohen Level präsentiert wird, dann freut man sich über spannenenden Geschichten aus dem Leben eines O.G.

“2001” ist verdientermaßen merhfach Platin zertifiziert und ein absoluter Rap Classic, der auch über die Jahre nichts an Faszination verloren hat.

Man sieht also: Angesichts dieser zwei prägenden Überalben braucht man eigentlich nicht unbedingt das “Detox” Album: Trotzdem würde man es natürlich auch begrüßen, wenn Dr. Dre doch noch sein finales Album auf die Menschheit loslässt. Bis dahin vergnügt man sich die Zeit einfach mit seinen zwei Klassiker Alben.

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